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Forum | Reiseversorgung | : Couchreisen

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tonleo

Beiträge: 195

: Couchreisen

23.10.2010 18:55:06

COUCHREISEN

Als Rentner habe ich fast immer Zeit für einen Nachmittagsschläfchen. Am Anfang zog ich mich aus, zog den Schlafanzug an und ging ins Bett . Manchmal putze ich mir sogar davor noch die Zähne .
Obwohl das Bett ein wohliges, warmes Empfinden vermittelt, das zum raschen Entspannen von Körper und Geist führt, wurde mir diese ganze Prozedur am Nachmittag bald zu lästig.
Außerdem störte mich das Gefühl des Langfristigem und fast Endgültigem, das das „ins Bett gehen“ in mir hervorrief.
So bin ich auf die blaue Couch im unteren Zimmer ausgewichen. Dabei empfinde ich das Ganze als etwas improvisiert und vorübergehend. Das Praktische dabei ist , dass ich die Kleider anbehalten kann und lediglich die Hausschuhe wahllos im Zimmer abzustreifen brauche. Dann liege ich schon auf dem Rücken und schaue auf die mitten in der Zimmerdecke angebrachte Ikea Lampe Typ Kök.. Diese Lampe hat wahrlich was in sich. Ihr Schirm mit den eingerollten Kreisen zieht meinen Blick magisch an. Immer wieder starre ich auf diese Kreise und spüre, wie sich auch meine Augen in Kreise drehen während sich Wellen der Entspannung in mir mehr und mehr ausweiten, ähnlich wie die konzentrischen Wellen, die sich beim Werfen eines Steines ins Wasser bilden.. Irgendwann erreichen dann die Wellen das Ufer oder verlieren sich in die Weite des Wassers. So verliert sich mein Bewusstsein und ich tauche in die dunkle Tiefe des Unbewussten ein.
Trotz all dieser Hingabe hatte ich am Anfang mit dem Liegen auf der Couch einige Schwierigkeiten.
Ein Bett hat meistens getrennte Kopf- und Fußteile, die einzeln verstellt werden können.. Bei einer Couch dagegen ist alles fest vorgegeben. Eine Couch ist eine Couch und bleibt eine Couch. Das klingt vielleicht etwas stur, aber Couchs sind halt so. Ich lag also steif auf der blauen Couch und hatte Nackenprobleme. Offensichtlich lag ich trotz Kissen mit dem Kopf zu tief. Auf der Suche nach einer Abhilfe, um etwas höher zu liegen, holte ich kurzerhand aus dem Bücherregal einen breiten und dicken Schulatlas und schob ihn unter das Kissen. Obwohl es sich lediglich um die 4. Auflage aus dem Jahre 1967 eines Westermann Hausatlas handelte, stellte sich diese Maßnahme als perfekte Lösung heraus. Nun lag ich mit Kopf und Schultern etwas höher und hatte keine Nackenschmerzen mehr. Von der etwas höheren Position wanderte mein Blick ohne Anstrengungen von der Ikea Lampe Typ Kök bis zum Bücherregal gegenüber und dann zurück. Diese Hin- und Herbewegung der Augen bewirkte auch ein entsprechend sanften Hin- und Herschwingen der innerlichen Entspannungswellen, so dass ich wesentlich schneller und tiefgreifender einschlief. .
Nun passierte etwas eigenartiges und davor nie Erlebtes.
An einem Nachmittag während auf der Couch lag, wanderte mein Blick von der Ikea Lampe Kök zu den Bücherrücken im Regal gegenüber und ich war fast schon weg, nahm ich ein ganz leichtes Surren wahr. Es hörte sich an wie das Surren einer Biene, war aber wesentlich leiser und gleichmäßig. Gleichzeitig spürte ich ein Kribbeln hinten auf der Kopfhaut, der sich wie der Reiz eines schwachen elektrischen Stromes anfühlte. Das störte mich allerdings nicht, im Gegenteil ich empfand es als nicht unangenehm und segelte ruhig davon.
Auf einmal sah ich alte Häuser, Menschen in eigenartigen Bekleidungen, Lasttiere, Soldaten mit unbekannter Bewaffnung, betende Geistliche, barfuss springende und laufende Kinder.
Ich fragte einen Mönch, wie dieser Ort heißt und erfuhr, dass ich mich in Nördlingen befand.. Ich folgte der größten Menschenströmung und kam an einen bunten Marktplatz voller Stimmen und Gerüche. Kein Mensch nahm aber von mir Notiz, so konnte ich mich überall frei bewegen. Ich besuchte mehrere ziemlich dunkle Kirchen, bestieg einen 90 Meter hohen Turm und begab mich auf die Stadtmauer mit ihren vier Toren. Am letztem Tor war ein Schild angebracht: dort las ich ‚Baldinger Tor, geb. 1376’. Ich verließ die Stadt und von der langen Wanderung ermüdet, wachte ich auf.
Die Bilder, die ich gesehen hatte waren so echt, die Geräusche, die Stimmen so real, dass ich den Eindruck hatte, alles dies nicht nur geträumt, sondern wahrlich erlebt zu haben.
Indes fragte ich mich andauernd, warum meine Traumreise gerade Nördlingen als Ziel hatte. Ich war dort nie zuvor und kannte auch keinen Menschen mit irgendwelchen Beziehungen zu jener Stadt. Da erinnerte ich mich, dass ein paar Tage davor, in dem Westermann Hausatlas blätternd, mir ein alter Stadtplan von Nördlingen als Beispiel für Stadtanlagen im Mittelalter unter die Augen gekommen war und ich relativ lange dieses Bild betrachtet hatte.
War das die Erklärung für meine ungewohnte Traumreise? Bestand ein Zusammenhang zwischen Atlasbildern und Träumen oder war alles purer Zufall.? Was war mit dem Surren und dem elektrischen Kribbeln? Waren sie möglicherweise Nebengeräusche einer neuronalen Bildübertragung? Solche und andere Fragen beschäftigten mich die nachfolgenden Tage. Die Nachmittagsentspannungen verliefen allerdings wie früher alle ohne Träume
Dann fasste ich den Entschluss für ein Experiment. Im Westermann Hausatlas fand sich neben dem Plan von Nördlingen auch der von Erfurt, eine Stadt in der ich bislang nie gewesen war. Ich schaute mir den Plan genau an und am Nachmittag des darauffolgenden Tages legte ich mich, wie gewohnt entspannt auf die blaue Couch. Es folgte das gewöhnte Ritual mit der Lampe Kök und dem Bücherregal gegenüber. Hin und her ging der Blick, immer schwerer wurden die Augenlider. Ich segelte fast schon weg, da setzte plötzlich das Surren ein und ein wohliges Kribbeln entlud sich auf meine Kopfhaut und .. schwupp, ich stand auf einem mir unbekannten Marktplatz einer unbekannten Stadt. Die Gebäude herum waren alt, historisch aber die Leute waren modern gekleidet. Auf einem Schild stand ‚Fischmarkt’, aber von Fisch war da keine Spur und kein Geruch. Stattdessen roch es appetitlich nach Gegrilltem. Ich folgte die Geruchsspur und kam zu einer Wurstbude.“Kosten Sie echte Thüringer Bratwürste, eine Spezialität der Region“, pries die Verkäuferin ihre Ware an. „Gut , sagte ich mir, hier bin schon mal in Thüringen, aber in welcher Stadt genau?“ Freundlich bot sie mir ein Stück Bratwurst an und sagte dabei „Nehmen sie Born-Senf dazu, es schmeckt am besten. „ „Was für ein Senf?’ fragte ich. „Na, Born-Senf, das ist typisch von hier, von Erfurt“, sagte sie. Also war ich doch in Erfurt und die Wurst mit dem Senf schmeckte wirklich lecker. Ich machte einen langen Spaziergang, aber ohne es zu merken entfernte ich mich immer mehr vom Stadtzentrum. So kam ich zu einem Gebäude, an dem ganz .eigenartig roch, fast wie verbranntes Gummi. An einem Eingang des Gebäudes drängten und schubsten sich 40 oder 50 Leute, meistens Männer, als ob jeder von ihnen als erster die Türe passieren wollte. Ich fragte eine ältere Frau, was da los sei. ‚ Eine Sauerei ist das und es verstößt gegen all die guten Sitten’, sagte sie, Die Kondomi AG macht heute Lagerverkauf und die Männer da sind wild wie die geilen Affen auf die B-Ware“. War das auch eine Spezialität der Region? Ich brauchte so was nicht mehr, so nahm ich den Rückweg, bis ich schließlich über eine eigenartig gebaute Brücke mit Häusern darauf wieder zum Fischmarkt kam. Ich nahm noch ein Stück Wurst, aber ich verwechselte die Töpfchen und anstatt in Born-Senf tauchte ich es in Chili-Sauce und bekam ich so einen starken Husten, dass ich aufwachte.
Also es funktionierte! Es war denkbar einfach: ein Ziel im Atlas finden, sich darauf konzentrieren und auf der Couch liegend nach dem Vorspiel Lampe Kök/ Bücherregal die Traumreise mit Surren und elektrischer Ladung anzutreten.
Zuerst suchte ich Ziele nur in Süddeutschland, wo ich nach und nach fast alle wichtige Städte besuchte.
München steht noch aus. Das habe ich mir fürs Oktoberfest reserviert, obwohl die Preise für eine Maß und ein Händel horrend gestiegen sind. Später dehnte ich meine Reise auf alle Teile des Landes aus. Aber ich muß gestehen, dass diese ständige Reiserei auch ermüdet und sogar eine gewisse Konfusion im Kopf hinterlässt. Ganz ehrlich gesagt, von lauter Marktplätzen, Kirchen, Brücken und historischen Gebäuden fast erdrückt, weiß ich oft nicht mehr, was, wo und wann ich sie gesehen habe.
Aber es ging mir nicht nur um die Reise. Ich wollte auch ergründen, wie und unter welchen Bedingungen die Traumreisen stattfinden. So führte ich eine Reihe von Versuchen schrittweise systematisch durch und fand dabei Erstaunliches heraus.
Erstens, das Legen des Atlas unter dem Kopfkissen erleichtert die Reisen, aber ist es nicht zwingend notwendig. Wichtig scheint dagegen das Vorhandensein des Atlas im Zimmer zu sein. Aber der Atlas unter dem Kopfkissen ist gut gegen die Nackenschmerzen.
Befindet sich beispielsweise der Atlas im Nebenraum, gibt es meistens Traumreisen nur in Schwarz-Weiß oder allenfalls in sehr verwaschenen Farben. Außerdem gibt es gelegentlich Bildstörungen.
Der Versuch, den Atlas durch ein gleichstarkes anderes Buch, beispielsweise „ Knaur Tierbuch für die Jugend“ zu ersetzen, scheiterte vollständig, denn ich konnte überhaupt nicht einschlafen. Ständig wurde ich von irgendwelches Gebell und Miaue gestört.
Als sehr wichtig erwies sich die Ikea Lampe Typ Kök. Eine Ikea Lampe des Typs Mäbel gab es nur den Ton, aber keine Bilder...
Mit einer Lampe von Karstadt in der gleichen Preislage konnte ich überhaupt kein Auge zu machen . Wahrscheinlich bewirkten die fehlenden Rillen im Lampenschirm den Aufbau der Entspannungswellen..
Ungeahnt großen Einfluss scheint die Temperatur des Zimmers zu bewirken. Die besten Reisen finden bei einer Temperatur von 21,5 und 22,8C statt. Sind die Füße etwas kälter, so kann es passieren, dass man sehr lange unterwegs ist und dass im Extremfall das Ziel nur knapp oder überhaupt nicht mehr erreicht wird.
Viel gravierender ist aber ein Luftzug im Bereich des Nacken und der Schulter. Neulich hatte ich eine Badereise nach Cala Mestolo auf Mallorca vorgesehen und mich bereits in freudigen Erwartung auf die Couch hingelegt. Ich war fast schon unterwegs, als ich einen leichten Luftzug um die Ohren spürte, der mich nicht weiter störte. Aber es gab Komplikationen. Ich war schnell auf eine Insel gelandet, aber offensichtlich war ich nicht auf Cala Mestolo. Es war viel zu kalt und ans Baden war da gar nicht zu denken, denn es wehte ein starker Wind und es herrschte ein hoher Wellengang. Ich fror schon ein bisserl. Die ganze Landschaft kam mir etwas fremd vor, so fragte ich zwei alte Fischer, die am Strand ihre Netze reparierten, auf spanisch, seit wann das kalte Wetter andauere. Sie guckten mich verwundert an und hoben die Schulter, als ob sie mich nicht verstanden hatten. Ich fragte: Cala Mestolo? Und zeigte mit dem Finger nach unten auf dem Boden. Sie schüttelten den Kopf. Dann fragte ich: Mallorca? Sie schüttelten weiterhin den Kopf. Meine Gute, wo war ich denn gelandet? Es war ziemlich kalt und ich beschloss, in dem großen Turm auf dem Hügel, der wie ein Hotel aussah zu fragen, wo ich mich eigentlich befinde. Der Weg dorthin war aber außerordentlich mühselig, ich stampfte in den Sand und beugte mich gegen den Wind, aber ich kam dem Turm nicht wesentlich näher. Noten einer fremdartigen Musik und Fetzen einer Sprache die ich nicht verstand wurden vom Wind herüber geweht. Vielleicht wurde dort eine Party gefeiert oder ein Konzert gegeben. Ich marschierte und marschierte, aber ich kam nicht nennenswert weiter. Es ging so eine ganze Weile, dann wachte ich ganz schön geschafft auf. Instinktiv fasste ich mich an der etwas steif gewordenen Hals-Schulter Partie
Woher kam dieser unangenehmer Luftzug? Ich stand auf und bemerkte, dass das Fenster nicht richtig abgeschlossen war. Nachdem ich es richtig zu gemacht hatte, kam wieder Ruhe in die Luftzirkulation.
Nun legte ich mich wieder hin ohne Erwartung auf eine Fortsetzung der Reise. Unwillkürlich ging mein Blick auf die Lampe Kök, von da auf die Bücher im Regal um von dort wieder auf Kök zu landen. Ein paar mal ging es so hin und her und plötzlich befand ich mich auf einen ruhigen Sandstrand. Es herrschte fast Windstille und die Wellen plätscherten lieblich mit kleinen zierlichen Schaumkronen hin und her. Unter den Palmen saßen zwei alte bärtige Fischer , die mit ihren Lederfingern Netze reparierten. Ich fragte sie: „Mallorca?“ und zeigte mit dem Finger zum Boden. Sie strahlten zahnlos und wiederholten stolz:“ Mallorca, si, Senor.“
Auf die gleiche Art fragte ich: „Cala Mestolo?“ Der Ältere klopfte sich auf die Brust und bestätigte: „Cala Mestolo, si, Cala Mestolo.“ Endlich! Also war ich an meinen Bestimmungsort angekommen.
Aus einem turmförmigen Hotel drüben am Hügel kamen Noten und Sätze eines bekannten Lieds herüber “Eviva Espana., Espana por favor“
Die lieblichen Wellen rollten hin und her zum Ufer und schienen zu wiederholen in langsamerem, aber stetigem Rhythmus: „ Eviva Espana , Fremder, es lebe Spanien.“
Dann verstummte die Musik. Die Fischer gingen heim und ich blieb allein am Strand. Es herrschte eine himmlische Ruhe.
Ach, ich wäre für immer dort geblieben, es war alles so schön, friedlich und natürlich dort. Ich war versucht, dort für immer zu bleiben.
Dann aber überlegte ich, gut und schön, willst Du aber wirklich ewig das gleiche Idyll erleben, wirst Du wirklich selig bei diesen ewig lieblichen Wellen verweilen?. Oder wird eines Tages der ewige Anblick dieses schönen Himmels eine gewisse Sättigung erreichen? So wog ich ab zwischen der ewigen Freude in einem fremden Land und dem Rauf und Runter eines handfesten Lebens in meinem Lande.
Während ich so mit mir haderte, gab es einen schrecklichen, lauten Knall.
„Oh, weih, dachte ich, das ewige Leben fängt nicht gerade gut an. Jetzt bekommst Du die gerechte Strafe für all Deine Sünde.“ Verängstigt und erschrocken sprang ich auf und war verwundert in meinem Zimmer zu sein.
Nun sah ich was da passiert war: Der Atlas unter dem Kopfkissen hatte sich verschoben und war am Ende auf den Fußboden aufgeknallt. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben.
Er war auf Seite 71-72 aufgeschlagen , Mallorca und die Balearen.

Copyright Antonio Leogrande 2010

Gut, Ihr werdet zu recht sagen: Was soll das, was geht uns das an.
Ach ja, ich habe vergessen zu sagen, während der ganzen Zeit habe ich 2,0 l/min Flüssigsauerstoff geschnüffelt.Lieferant Airproducts.
Ob da ein Zusammenhang mit dem Erlebten besteht, weiß ich nicht.

Ruhrpottmotte

Avatar von Ruhrpottmotte

Beiträge: 2780

Re: : Couchreisen

24.10.2010 13:07:35

Eine schöne Geschichte, Tonleo

Liebe Grüße Elke
launisch? Ich nenn das spontane emotionale Kreativität

finchen

Beiträge: 916

Re: : Couchreisen

24.10.2010 18:33:20

Hallo Tonleo,
wie versprochen habe ich deine Geschichte gelesen,
hat mir sehr gut gefallen,werde mir vielleicht
diese Ikea Lampe zulegen,einen Atlas haben wir im
Bücherregal,dann müßte es doch auch bei mir klappen.Schauen wir mal.
Liebe Grüße
Lore !

heideblume19

Beiträge: 331

Re: : Couchreisen

25.10.2010 18:25:28

Hallo,Herr Literat!

Man soll Talente fördern, egal ob jung oder alt, egal ob mit viel Luft oder mit wenig.

Sprich doch mal bei Eurer Lokalzeitung vor, laß Dir die
Beschwerdebriefe geben, lege sie mittags unter Deinen Kopf, betrachte die Lampe und das Bücherregal und promt werden sich in Deinem Geiste alle innerstädtischen Probleme lösen.
´
Versuchs mal, vielleicht klappt es.

Nichts für ungut und nimms nicht übel, bitte

Es grüßt herzlich eine MÖchtegernweltverbesserin aus dem Norden

tonleo

Beiträge: 195

Re: : Couchreisen

25.10.2010 19:38:05

Liebe Elke, Finchen und Heideblume,
Eure Kommentare mache mich ganz verlegen. Ja , ich erröte, auch wenn nur literarisch und amateurhaft.
Ich bin aber gleichzeitig überrascht, denn ich erwartete strenge Kritik und deutliche Verweise, wegen meiner Unverschämtheit, hier in diesem erlauchten und seriösen Forum mit so einem gespinnerten Beitrag (Bay. Schmarrn) zu erscheinen.
Mögen mir die Anderen verzeihen, die zähneknirschend und mißbilligend den Ulk lasen und sich ärgerten. Ich verspreche es Euch: Es wird nie wieder passieren. Mit dem gleichen Text nie wieder.
Aber vielleicht mit einer anderen Geschichte, oder mit einer Fortsetzung oder... wer weiß. Die Wege zum Unsinn sind unendlich (Zitat Eigenmarke, morgens vor dem Spiegel).
Seid herzhaft und heftig gegrüßt

Glückspilz

Beiträge: 45

Re: : Couchreisen

25.10.2010 20:26:42

ich freue mich auf neue "berichte" mache bitte weiter.es ist sehr entspannend ,fördert das wohlbefinden.

tonleo

Beiträge: 195

Re: : Couchreisen die Zweite

27.10.2010 12:22:42

Diese Couchreisen haben was in sich: jeden Nachmittag durch die Gegend gondeln, auf die Dauer das hält kein Mensch mehr aus. Habe deshalb für ein paar Tage das Nachmittagsschläfchen weggelassen. Anstatt zu schnarchen schreibe ich jetzt Blödsinn, was in etwas die gleiche Wirkung hat.
Hier das Ergebnis:

In Laufe der Zeit perfektionierte ich die Traumreisen auf der blauen Couch immer mehr und fand noch ein paar Tricks , um auch schwierige Reiseziele zu erreichen.
Vorige Woche rief mich mein Freund Max ganz aufgeregt an und weinte mir die Hucke voll.
Er habe so viel zu tun, klagte er und wisse nicht mehr , wo ihm sein Kopf stehe. Der Stress mache ihn krank und wenn es so weiter ginge , würde er augenblicklich und ziemlich kurzfristig einen Herzinfarkt erleiden und in Sekundenschnelle sterben. Ich dagegen hätte es soo gut und würde mindestens 100 Jahre leben, denn bei mir liefe alles so gemütlich ab, wie im Schneckentempo.
Max war ein Lebenskünstler, denn obwohl er nie einer regelmäßigen Beschäftigung nachgegangen war und von zu Hause nicht sehr begütert war, lebte er ganz gut dabei. Ich bewunderte manchmal seine Fähigkeit, sich nicht nur über Wasser zu halten , sondern auch noch relativ gut leben zu können. Er kleidet sich modern und geschmackvoll, fährt ein schnittiges Automobil und frequentiert nicht selten gehobene Restaurants. Ich dagegen hatte ein Leben lang den Stuhl am Katasteramt durchgesessen und führte ein bescheidenes Leben in gesicherter unterer Pensionsstufe.
Dann beklagte er, dass er eine Reise nach Gummersbach zu seiner Erbtante antreten müsse. Die Erbtante war bereits 90 und in bester Gesundheit , besitzt zwei Häuser, eine Garage und einen Gemüsegarten außerhalb der Stadt. Mit aller Liebe zu der Tante und zu den Häusern, die Reise dorthin würde ihm mindestens zwei Tage kosten, beklagte er sich, währenddessen die Arbeit hier liegen bleiben würde. Vorsichtig fragte ich , um welche Arbeit es sich handeln würde. Max wurde fast grantig; ich hätte meine sichere Pension, er dagegen müsste sich jeden Tag aufs Neue da draußen in dem Dschungel sich durchkämpfen, um zu überleben.
Wieder fing Max an, über die lästige Reise nach Gummersbach zu lamentieren. Solche lauten Schmerzengeschreie konnte ich nicht ohne Reaktion ertragen. Dann kam mir ein abstruser Gedanke. „ Max, ich habe da eine verrückte Idee. Vielleicht kann ich Dir helfen“
„Wie willst Du mir helfen? Ich muß nach Gummersbach, das ist mein Problem. Da kann keiner mir helfen“
„Vielleicht doch, sag mal, hast Du irgendwas von diesem Gummersbach, ein Bild oder eine Postkarte oder so was?“
„Was hat das mit meinen Verpflichtungen zu tun? Ja, ich habe einen alten Stadtplan. Aber was soll das?“
„ Wunderbar! Das dürfte reichen. Komm morgen Nachmittag mit dem Stadtplan zu mir, dann werden wir weiter sehen“
„Sag mal, bist Du krank? Oder bist Du hingefallen und auf die Birne geknallt? Ich bin in einer Notsituation und Du machst Dich über mich lustig,. Was soll das?“
„Nein, nein, es ist kein Scherz. Wenn Du Interesse hast, kannst Du morgen Nachmittag vorbei kommen. Es könnte für Dich vielleicht von Nutzen sein“
„Hm, von Nutzen, meinst Du? Mal sehen. Wenn ich Zeit habe“
Max hatte tatsächlich Zeit. Er kreuzte am nächsten Nachmittag bei uns zu Hause auf und grüßte wie immer charmant meine Frau mit zwei Küsschen links und rechts, dann gingen wir nach oben ins Zimmer mit der blauen Couch. Er knallte den Stadtplan von Gummersbach auf den Tisch und sagte ziemlich direkt: „ Hier ist Dein Plan. Vielleicht erklärst Du mir jetzt bitteschön, was das soll.“
„Beruhige Dich Max, wir schaffen es gleich“
„Aber was, in Gottesnamen?“
„Gleich, Max. Ziehst Du bitte Deine Schuhe aus und legst Dich dort auf die Couch?“
„Mei, das ist a Wahnsinn. Soll ich da vielleicht noch ein Schläfchen halten?“
„So ungefähr, aber bitte tue, was ich Dir sage. Wenn das Experiment klappt, wirst Du begeistert sein“
„Ein Experiment? Das ist wie im Irrenhaus. Ich verstehe überhaupt nichts mehr“
„ Ja, Max, ein Experiment. Und wenn das klappt, wirst Du eine überraschende Reise machen Also lege Dich hin und entspanne Dich gründlich.“
Während er sich endlich, aber widerwillig auf die blaue Couch hinlegte, schob ich unbemerkt den Plan von Gummersbach unter sein Kissen.
„So, Max, jetzt relaxest Du dich ganz ruhig. Du atmest schön regelmäßig ein und aus und läß die Muskel ganz los. Und ein- und ausatmen, ein und aus und locker lassen, ganz locker.“ Ich versuchte die gleiche Tonlage zu finden, die ich von einem Meditationsguru in einem Kurs über spirituelle Seelenübungen nach Karma gehört hatte. Damals war ich von seiner Stimmlage so angetan, dass ich augenblicklich, aber deutlich schnarchend auf der Stelle einschlief, zum großen Missfallen des Meisters.
Also da lag der Max auf der blauen Couch ganz ruhig, eingelullt von meiner Gurustimme.
„Nun, Max, wir richten unsere Augen auf diese Lampe hier oben und konzentrieren uns auf die ringförmigen Rillen auf dem Lampenschirm. Dabei atmen wir ganz ruhig ein und aus.
Ein und aus, ein und aus, und auf die Lampe schauen, Max. Du wirst ganz leicht, Du fühlst, wie Dein Körper schwebt“. Max fixierte die Lampe Kök und ich konnte schon das Weiß seines Augenapfels wegschwimmen sehen. „Nun Max, unserer Blick geht zum Bücherregal gegenüber und wieder zurück zur Lampe. Wir atmen ganz ruhig ein und aus und betrachten die Rillen, die sich ganz langsam anfangen zu drehen und so wie die Rillen sich drehen und ihre Kreise immer weiter werden, so schließen wir langsam unsere Augen und lassen die letzten Reste von innerer Spannung los“
Max segelte schon ruhig weg. Ich schwieg. Eine schwere Stille herrschte im Zimmer. Mir war es auch so schwummerig , dass ich gerne mitgesegelt wäre; so versuchte ich krampfhaft keinen Blick auf die Lampe zu riskieren, denn sonst wäre ich verloren gewesen und das ganze Experiment wäre auch im Eimer.
Max ruhte ganz ruhig auf der Couch. Ein mal zuckte fast weinerlich zusammen und sagte mit leiser und verschlafener Stimme: „ Eine Wespe .... eine Wespe.. im Zimmer..“ Kurze Zeit später sprach er irgendwas Unverständliches von Kribbeln und Elektrisches. Ich beruhigte ihn wieder mit meiner Gurustimme, so segelte er in Ruhe seiner Couchreise entgegen.
Ich machte es mir auf dem Sessel neben der Couch bequem, nahm Stift und Block und notierte wie ein Psychoanalytiker alle Ereignisse sowie die Uhrzeiten, wie zum Beispiel 15:05 Uhr: Max lächelt,15:10Uhr: M. kaut, 15:30Uhr: M. bewegt mehrmals den Kopf nach unten (Zustimmung?), usw.
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Nun, muß ich mich ausruhen. Diese Schreiberei macht mich ganz schön fertig

tonleo

Beiträge: 195

Re: Dritte Folge, Terza puntata

28.10.2010 22:32:35

Liebe Leute, es geht weiter.
Leider finde ich den Ausgang dieser Geschichte nicht mehr. Soll ich über diesen Mist ewig schreiben? Ist das die Strafe für meine verdorbene dekadente Fantasie? Hat mein Gehirn bereits ein bullöses emphysemisches Loch?Dann beschütze Euch Gott vor einem solchen Tor.

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Nach ca. einer Stunde wachte Max auf und wusste erst mal gar nicht, wo er sich befand.
„ Wo bin ich denn hier?.. Mensch, ich war unterwegs.....“ Er wurde munter und setzte sich auf die Couchkante. „ Mensch –setzte er fort- ich war in Gummersbach bei der lieben Tante Friederike“
Er wusste allerdings nicht wie er nach Gummersbach gekommen war. Er sagte, dass er sich auf einmal in der Stadtmitte befand.. Bei einer Konditorei in der Hindenburgstrasse besorgte er eine elegante Schachtel Praline und in der Kaiserstrasse einen bunten Blumenstrauß und ging zu Fuß zu Tante Frederikes Haus hinter dem alten Friedhof.
Die Tante hatte sich sehr über den lieben Besuch gefreut und sich sehr herzlich für die Geschenke bedankt. Er, Max, sei ihr Lieblingsenkel, habe die Tante mehrfach gesagt.
Sie haben Kaffee getrunken und einen selbstgebackenen, ziemlich abgelagerten harten Stollen gegessen.
Dann hat die Tante alte Geschichten aus dem vorigen Jahrhundert erzählt und immer wieder Max gefragt, ob er ihr folge. Irgendwann ist es ihm dann gelungen, sich zu verabschieden, allerdings unter der Versprechung, bald wieder zu kommen.
Max stand sichtlich unter den Eindruck der Begegnung, denn er betonte immer wieder, wie plastisch und real der Traum gewesen sei, wie im wirklichen Leben.
„Max, das war kein Traum. Du warst wirklich in Gummersbach bei Deiner Tante“, sagte ich.
„Blödsinn, ich war hier auf der Couch. Es war bloß ein Traum“
„Es war beides: Traum und Wirklichkeit. Du warst hier und gleichzeitig auch in Gummersbach“
„Hör mal, willst Du mich veräppeln? Wie kann ein Mensch hier und 400 km weit gleichzeitig sein?“
„Ja, Max, das geht. Das ist durch CAPD möglich, eine ganz neue Technik des Persönlichkeitsmanagements. Das kannst Du bei Wikipedia nachlesen“
„CAPD? Soll das etwa eine neue Krankheit sein?“
„ Nein, nein, keine neue Krankheit, davon haben wir leider genug. CAPD kommt aus dem Englischen : congruent active personality division und bedeutet so etwas wie deckungsgleiche aktive Persönlichkeitsspaltung“
„ Und was soll der ganze Quatsch?“
„ Das ist kein Quatsch sondern eine Technik, nach der ein Mensch sich aktiv spaltet , wie Du Dich gespaltet hast und deshalb warst du gleichzeitig hier und in Gummersbach. Kongruent deshalb, weil du stets deckungsgleich zu Dir selbst bleibst. Es erfolgt also eine Spaltung, aber nicht eine Doppelung der Persönlichkeit. Deshalb bist Du jetzt vielleicht ein bisserl verwirrt, aber..“
„Von wegen ein bisserl verwirrt! Ganz durcheinander bin ich. Diese Geschichte mit der Spaltung da, die glaube ich nie und nimmer. Du spinnst oder Du willst mir mit Deinen Sprüchen imponieren. Aber eins, sage ich Dir. Ich bin jetzt hier und gehe anschließend weg, aber ohne den Spaltquatsch da. Ich bin weg, weil ich weg bin. Ganz einfach“
„Natürlich. Du bist weg, weil du weg gehst. Keiner widerspricht Dir. Warum regst Du Dich auf ?“
„ Ich habe jetzt genug. Mein erste Ich sagt tschüs und geht mit meinem zweitem Ich spazieren. Du kannst inzwischen über die CAPD weiter spinnen“
Max zog sich eilig die Schuhe an und verabschiedete sich.
Ich ordnete meine Notizen und an dem Stiftende nippend, versuchte ich die mir bekannten Einflussgrößen auf das Phänomen CAPD zu bewerten.. Welche Faktoren wirkten wie und in welchem Maße auf die Persönlichkeitsspaltung ? War diese Spaltung vollkommen reversibel oder wären verbleibende Schäden durch das wiederholte Liegen auf der Couch zu erwarten?
Machte vielleicht CAPD süchtig und was wäre in einem solchen Fall zu beachten? Ist CADP vielleicht erblich?
Während ich mich so den Kopf zerbrach, rief meine Frau, das Abendessen sei fertig .
Dankbar aber abwesend verließ ich mein Arbeitszimmer.
..........
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Ich bitte innigst um Verzeihung, aber ich fürchte, ich muß nochmal stören.

bibiviola

Beiträge: 3362

Re: : Couchreisen

29.10.2010 16:16:46

Hallo Tonleo,

deine Geschichten sind großartig, denkst mal darüber nach ein Buch zu schreiben?

Liebe Grüße
Birgit

Ruhrpottmotte

Avatar von Ruhrpottmotte

Beiträge: 2780

Re: : Couchreisen

29.10.2010 16:23:18

Hallo Tonleo,
auch die Fortsetzung war schön zu lesen.
Danke.

Letzte Änderung: 29.10.2010 16:23:40 von Ruhrpottmotte

Liebe Grüße Elke
launisch? Ich nenn das spontane emotionale Kreativität

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19.01.2018

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