Kopfbild mit Logo
Suche:

Thema "wer kennt schon alte Dichter":

Boardübersicht Mein Profil letzte Beiträge

Forum | Ein schöner Spruch | wer kennt schon alte Dichter

Seite:  1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 ... 11  

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

05.03.2012 12:44:16

Aber seltsam!

Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offene Fenster Licht in seinem Zimmer -
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

Hugo von Hofmannsthal

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

06.03.2012 13:31:40

Die Würfel sind gefallen...

Die Würfel sind gefallen,
Ach, Richard ist nicht mehr!
Die Trauerglocken schallen -
Oh, hab Erbarmen Herr!
Es steht am kleinen Fenster
Die blondgelockte Maid.
Es rührt selbst die Gespenster
Ihr banges Herzeleid.

Elisabeth von Oesterreich, 1852

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

07.03.2012 13:13:50

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

Hedwig Lachmann

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

08.03.2012 12:58:06

Zigarette

Gewidmet sei das erste der Sonette,
In dem ich völlig mich der Form bemeistert,
Der Zauberin, die mich dazu begeistert:
Der duftenden Havannazigarette.

Nicht mühsam ward zusammen es gekleistert.
Es floss, ein Strom im selbstgegrabnen Bette,
Indessen ich des Rauches Wolkenkette
Gen Himmel blies, vor Wonne halb entgeistert.

Mir zaubert, Feine, deines Dufts Narkose
Des Traumes Blüte ins entlaubte Leben,
In meinen Herbst die Nachtigall, die Rose.

Wenn deine zarten Wölkchen mich umschweben,
Fühl ich versöhnter mich mit meinem Lose
Und lass mit ihnen sich den Geist erheben.

Marie von Ebner-Eschenbach

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

09.03.2012 13:02:54

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1903

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

10.03.2012 11:33:04

Merkur und Amor

Zu dem Merkur sprach einst der Gott der Liebe:
"Du bist der Gott der Krämer und der Diebe
Und der Beredsamkeit. Mein Freund,
Wie hast du alles das vereint?
In so verschiedenen Revieren
Mit Glück und Ehre zu regieren,
Dazu gehört Geschicklichkeit,
Dazu gehören seltne Gaben."

"Ja", sprach Merkur, "und sie haben
Braucht es Erfahrung, Müh und Zeit.
Erst war ich nur der Handelschaft zu dienen
Vom Vater Jupiter ernannt.
Die Diebe fand ich unter ihnen,
Und sie vertrauten mir ihr Land.
Doch einst von beiden Nationen
Lernt´ich, dem Reich der Redner vorzustehn,
Die Kunst, die Wahrheit fein zu schonen
Und fein die Welt zu hintergehen."

Johann Heinrich Merck

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

12.03.2012 15:18:24

Michelangelo

Einst malet Angelo, das Wunder seiner Zeiten,
Das Weltgericht, des Himmels off´ne Freuden
Und auch der Hölle off´ne Qual,
Und die Hölle setzt er nebst Prälaten
Und vielen bischöflichen Gnaden
Auch einen großen Kardinal.
Und ungelobt und unbezahlt
Ist das Porträt daran so trefflich ausgemalt,
Daß jeder, der ihn sah und kannte,
Ihn glich bei seinem Namen nannte.
Der Kardinal erfährts. O wüßt´er´s niemals nicht!
Wie wird´s dem armen Künstler gehen?
Der Kardinal will das Gemälde sehen.
Er kommt und sieht und spricht:
"Wie sehr bewund´re ich die wahre Meisterhand!
Da mich doch Angelo von weitem nur gekannt.
Wie groß ist nicht des Künstlers Gabe,
Er trifft mich, da ich ihm doch nie gesessen habe."
Bewundernd sieht er es noch einmal :
Dankt ihm und geht. Der große Mann!

O welche Fabel aus der goldnen Zeit,
Ein Priester ist beleidigt und verzeiht.

Johann Heinrich Merck

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

13.03.2012 11:31:22

Ein Balg

Die alte Frau hat ein hartes Gesicht,
Doch kluge sanfte Augen,
Die wenig mehr beim Pfenniglicht
Und nicht zum Weinen taugen.

Sie war ein Balg ... Als Findelkind
Verlassner als die Armen,
Bat weder Herren noch Gesind
Um Futter und Erbarmen.

Sie griff fest zu und schaffte stramm
Wie ehrbar-ernste Leute;
Daß nie sie Unverdientes nahm,
Erfreut das Weib noch heute.

Sie zeigt auch jetzt mit Bauernstolz
Erdarbte Thalerscheine:
»Die sind mein unverbranntes Holz,
Meine ungetrunknen Weine -

»Die sind mein ungegessenes Brot,
Auf jedem steht geschrieben:
Ein Alter ohne Schand und Not ...
Und was mir Gott schuldig geblieben.«

Ada Christen

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

14.03.2012 11:40:55

Abschied

Die Sinnlichkeit gibt mir Abschiedsfest;
Das sind kuriose Gestalten,
In Binden gewickelt, in Schienen gepreßt,
Und kaum mehr festzuhalten.

Die strahlende Nacktheit such ich so bang,
Es fehlt ihr wohl an Vertrauen.
Ich hab sie bei gellendem Becherklang
Zu häufig zusammen gehauen.

Und ist erst das Seelenleben entweibt,
Dann sind sämtliche Lampen erloschen.
Für das, was für mich dann noch übrigbleibt,
Dafür gebe ich nicht einen Groschen.

Frank Wedekind

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: wer kennt schon alte Dichter

15.03.2012 11:34:50

Vater unser.

Vater! der Du in dem Himmel wohnest,
Wo Du ewig Deine Treuen lohnest,
Laß uns Deinen Namen heiligen,
Ihn mit Worten und durch Werke preisen.
Die wir Christen, Deine Jünger heißen,
Laß zukommen uns Dein Erb' und Reich,
Laß hienieden Deinen heil'gen Willen,
Uns gehorsam, kindlich, treu erfüllen,
Und Dir dienen hier, den Engeln gleich.
Unser täglich Brod gewähr' uns heute —
Leibeswohlfahrt, Friede, Geistesfreude —
Daß wir lindern gern der Brüder Noth;
Und wie wir die Schwächern liebend dulden,
So vergib uns milde unsre Schulden.
Laß gestärkt uns durch der Engel Brod
Die Versuchung siegend überwinden,
Und vor Deinen Augen Gnade finden,
Wenn wir dringend um Erlösung fleh'n
Von den Nebeln, die der Sünd' entstammen,
Amen, Vater! in des Heilands Namen,
Wie wir hoffen, lasse uns gescheh'n.

M.A. Ungewitter, 1853

Seite:  1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 ... 11  

Neue Artikel

Änderung

Website zuletzt geändert am

18.01.2018

Diese Web Seite ist von der Health On the Net Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies zu überprüfen
Wir befolgen den HONcode Standard für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen.
Kontrollieren Sie dies hier.

© Deutsche Sauerstoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. - Selbsthilfegruppen für Langzeitsauerstoff- und Beatmungstherapie