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Forum | Ein schöner Spruch | Märchen

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Hiltrud

Beiträge: 5722

Märchen

02.06.2012 21:00:14

Das Klapperstorch-Märchen

Wovon die Beine der Teckel so kurz sind, und dass sie sich dieselben abgelaufen haben, weiß jeder. Wie aber der Storch zu seinen langen Beinen gekommen ist, das ist eine ganz andere Geschichte. Drei Tage nämlich, ehe der Storch ein kleines Kind bringt, klopft er mit seinem roten Schnabel an das Fenster der Leute, welche es bekommen sollen, und ruft:

"Schafft eine Wiege, Ein' Schleier für Fliegen, Ein buntes Röcklein, Ein weißes Jäcklein, Mützchen und Windel: Bring ein klein Kindel!" Dann wissen die Leute, woran sie sind. Doch zuweilen, wenn er sehr viel zu tun hat, vergißt er es, und dann gibt's große Not, weil nichts fertig ist.
Niemand öffnet die Haustür

Bei zwei armen Leuten, welche im Dorf in einer kleinen Hütte wohnten, hatte es der Storch auch vergessen. Als er mit dem Kinde kam, war niemand zu Hause. Mann und Frau waren auf Feldarbeit gegangen und Türe und Fenster verschlossen; auch war nicht einmal eine Treppe vor dem Hause, auf die er es hätte legen können. Da flog er aufs Dach und klapperte so lange, bis das ganze Dorf zusammenlief und eine alte Frau eilends aufs Feld hinaussprang, um die Leute zu holen.

"Herr Nachbar, Frau Nachbarin! Herr Nachbar, Frau Nachbarin!" rief sie schon von weitem, ganz außer Atem, "um Gottes Willen! Der Storch sitzt auf eurem Hause und will euch ein kleines Kind bringen. Niemand ist da, der ihm's Fenster aufmachen kann. Wenn ihr nicht bald kommt, lässt er's fallen, und 's gibt ein Unglück. Oben beim Müller hat er es vor drei Jahren auch fallen lassen, und das arme Wurm ist heute noch bucklig."
Freudige Heimkehr

Da liefen die beiden Hals über Kopf nach Haus und nahmen dem Storche das Kind ab. Wie sie es besahen, war es ein wunderhübscher kleiner Junge, und Mann und Frau waren vor Freude außer sich. Doch der Storch hatte sich über das lange Warten so geärgert, dass er sich vornahm, ganz bestimmt den beiden Leuten nie wieder ein Kind zu bringen. Als sie endlich kamen, sah er sie schon ganz schief und ärgerlich an, und während er fortflog, sagte er noch: "Heute wird's auch wieder spät werden, ehe ich zu meiner Frau Storchen in den Sumpf komme. Ich habe noch zwölf Kinder auszutragen, und es ist schon spät. Das Leben wird einem doch recht sauer!"
Ein Geschenk für den Storch

Doch die beiden Leute hatten in ihrer Herzensfreude es gar nicht bemerkt, dass sich der Storch so schwer geärgert. Eigentlich war er ja auch ganz allein daran schuld, dass er so lange hatte warten müssen, weil er es ihnen doch vergessen hatte, es ihnen vorher zu sagen. Wie nun das Kind wuchs und täglich hübscher wurde, sagte eines Tages die Frau: "Wenn wir dem guten Storch, der uns das wunderhübsche Kind gebracht hat, nur irgend etwas schenken könnten, was ihm Spaß macht! Weißt du nichts? Mir will gar nichts einfallen!" "Das wird schwerhalten", erwiderte der Mann; "er hat schon alles!"

Am nächsten Morgen jedoch kam er zu seiner Frau und sagte zu ihr: "Was meinst du, wenn ich dem Storch beim Tischler ein paar recht schöne Stelzen machen ließe? Er muß doch immer in den Sumpf, um Frösche zu fangen, und dann wieder in den großen Teich hinterm Dorf, aus dem er die kleinen Knaben herausholt. Da muss er doch sehr oft nasse Füße bekommen! Ich dächte auch, er hätte damals, als er zu uns kam, ganz heiser geklappert." "Das ist ein herrlicher Einfall!" entgegenete die Frau. "Aber der Tischler muss die Stelzen recht schön rot lackieren, damit sie zu seinem Schnabel passen!" "So?" sagte der Mann; "meinst du wirklich rot? Ich hatte an Grün gedacht." "Aber, bester Schatz!" fiel die Frau ein, "wo denkst du hin? Ihr Männer wisst doch niemals, was zusammenpasst und gut steht. Sie müssen unbedingt rot sein!"
Ein Mädchen kommt

Da nun der Mann sehr verständig war und stets auf seine Frau hörte, so bestellte er denn wirklich rote Stelzen, und als sie fertig waren, ging er an den Sumpf und brachte sie dem Storch. Und der Storch war sehr erfreut, probierte sie gleich und sagte: "Eigentlich war ich auf euch recht böse, weil ihr mich damals so lange habt warten lassen. Weil ihr aber so gute Leute seid und mir die schönen roten Stelzen schenkt, so will ich euch auch noch ein kleines Mädchen bringen. Heute über vier Wochen werde ich kommen. Dass ihr mir dann aber auch hübsch zu Hause seid, und express es erst noch einmal ansagen werde ich nun nicht. Den Weg kann ich mir sparen! - Hörst du?" "Nein, nein!" erwiderte der Mann. "Wir werden sicher zu Hause sein. Du sollst diesmal keinen Ärger davon haben."

Als die vier Wochen um waren, kam richtig der Storch geflogen und brachte ein kleines Mädchen; das war noch hübscher als der kleine Junge, und war nun gerade das Pärchen voll. Auch blieben beide Kinder hübsch und gesund, und die Eltern auch, so dass es eine rechte Freude war.
Reichtum siegt nicht

Nun wohnte aber im Dorf noch ein reicher Bauer, der besaß ebenfalls nur einen Knaben, und der war noch dazu ziemlich garstig, und der Bauer wünschte sich auch noch ein Mädchen dazu. Als er vernahm, wie es die armen Leute angefangen, dachte er bei sich, es könne ihm gar nicht fehlen. Er ging sofort zum Tischler und bestellte ebenfalls ein paar Stelzen, viel schöner wie die, welche die armen Leute hatten anfertigen lassen. Oben und unten mit goldenen Knöpfen und in der Mitte grün, gelb und blau geringelt. Als sie fertig waren, sahen sie in der Tat ungewöhnlich schön aus. Darauf zog er sich seinen besten Rock an, nahm die Stelzen unter den Arm und ging hinaus an den Sumpf, wo er auch gleich den Storch fand. "Ganz gehorsamer Diener, Euer Gnaden!" sagte er zu ihm und machte ein tiefes Kompliment.

"Meinst du mich?" fragte der Storch, der auf seinen schönen roten Stelzen behaglich im Wasser stand. "Ich bin so frei!" erwiderte der Bauer. "Nun, was willst du?" "Ich möchte gern ein kleines Mädchen haben, und da hat sich meine Frau erlaubt, Euer Gnaden ein kleines Geschenk zu schicken. Ein Paar ganz bescheidene Stelzen." "Da mach nur, dass du wieder nach Hause kommst!" entgegnete der Storch, indem er sich auf einem Bein umdrehte und den Bauer gar nicht wieder ansah.

"Ein kleines Mädchen kannst du nicht bekommen; und deine Stelzen brauche ich auch nicht! Ich habe schon zwei sehr schöne rote, und da ich meist nur eine auf einmal benutze, so werden sie wohl sehr lange vorhalten. - Außerdem sind ja deine Stelzen ganz abscheulich hässlich. Pfui! blau, grün und gelb geringelt wie ein Hanswurst! Mit denen dürfte ich ja der Frau Storchen gar nicht unter die Augen kommen." Da musste der Bauer mit seinen schönen Stelzen abziehen, und ein kleines Mädchen hat er sein Lebtag nicht bekommen.

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

04.06.2012 12:10:45

Die drei Schwestern mit dem Glä...

Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch derb daran, so gehen sie entzwei. Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. "Kinder", sagte die Königin, "nehmt euch mit euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!" Und sie taten es auch.
Sprung im Herzen

Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und Schmetterlinge um die Levkojen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot. Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner wie das erste Mal, und auch sie fiel um.

Da hob sie ihre Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern dass ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt. "Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?" ratschlagten der König und die Königin. "Sie hat einen Sprung im Herzen, und wenn er auch nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie sehr in acht nehmen." Aber die Prinzessin sagte: "Lasst mich nur! Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!" –
Strenge Auswahl

Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden und so schön, gut und verständig, dass von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und um sie freiten. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und sagte: "Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muss es ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht." Allein es war unter den vielen Freiern nicht einer, der sich gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mussten sie alle wieder abziehen. – Da war nun unter den Edelknaben im Schloss des Königs einer, der war beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann.

Dann gratulierte ihm der König und sagte ihm: "Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du kannst gehen." Als er nun das erstemal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, dass sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweitemal trug, sagte die Prinzessin: "Lass einmal einen Augenblick die Schleppe los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter führt, schickt." Als er dies tat, sah er, dass sie auch eine ganz königliche Hand hatte.
Einer wie keiner

Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das drittemal die Schleppe trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: "Wie reizend du mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen." Da merkte der Edelknabe, dass sie auch eine ganz königliche Sprache führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen. Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentüre und sprach zu ihm: "Du hast mir so reizend die Schleppe getragen wie kein anderer. Wenn du doch Glaser und König wärst!"

Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten, er käme gewiss wieder. Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen Glaserjungen gebrauchen könne. "Jawohl", erwiderte dieser, "aber du musst vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahr lernst du die Semmeln vom Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden und einsetzen, und im vierten wirst du Meister."

Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil es dann doch schneller ging. Indes der Glaser bedeutete ihm, dass ein ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts Gescheites daraus. Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden und einsetzen, und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden.
Ratschläge vom Edelmann

Während er so auf der Straße, ganz in Gedanken versunken, einherging und aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe, dass er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er: verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen habe, um König zu werden. "Wenn du ein Glaser wärst", sagte der Mann, "wüsste ich schon Rat." "Ich bin ja gerade ein Glaser!" antwortete er, "und eben fertig geworden!" Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle.

"Anfangs", so sprach er, "war noch die Bedingung, dass der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will, der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muss, und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muss er freilich immer noch sein, dabei bleibt es!" "Welches sind denn die beiden Bedingungen?" fragte der junge Edelmann.

"Er muss der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist, zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem Schloss gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist."
Samthände

Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloss, entdeckte sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen sei, und erzählte ihm, dass er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und sie nun gar gern heiraten und nach seinem Tode König werden wolle. Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe.

Aber die Prinzessin meinte, dies sei unnötig, sie wisse es ganz genau, dass er wirklich Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die Treppe hinaufgeführt hätte. So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende. Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt.

Dies versicherten nicht bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und bekam etwas geschenkt; hatte aber einmal einer eine schlechte Zensur, dann gab sie ihm einen Katzenkopf und sprach: "Sage einmal, sauberer Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird's bald?"

Und wenn er dann schnuckste und sagte: "Kö-Kö-Kö-König!" lachte sie und fragte: "König! Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei langen Eselsohren!" Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur bekommen hatte, gewaltig. Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig: "Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei, das hält nachher oft gerade noch recht lange." –

Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes Sahnetöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnetöpfchen gekauft und immer wieder zerbrochen worden, dass man sie gar nicht zählen kann.

Ende

Richard von Volkmann

Letzte Änderung: 04.06.2012 12:11:24 von Hiltrud

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

05.06.2012 11:31:08

Wie der Teufel ins Weihwasser fiel

Dass der Teufel öfters Unglück hat, weiß jedermann. Ja, es kommt so häufig vor, daß man einen Menschen, der Zahnschmerzen hat oder im Winter mit zerrissenen Stiefeln auf der Chaussee Steine klopfen muss oder dem sein Schatz an seinem Geburtstage einen Brief schickt, in dem kein Glückwunsch steht, wohl aber eine Absage auf immer - daß man sie alle drei arme Teufel nennt.

Eines Tages schnupperte der Teufel im Kölner Dome umher, in der Hoffnung, vielleicht ein fettes Mönchlein oder eine alte Betschwester zu erhaschen, da stolperte er und - platsch! - fiel er mitten in das Becken mit dem Weihwasser hinein. Da hättet ihr sehen sollen, was er für Gesichter schnitt, wie er sprudelte und prustete und wie er flink machte, daß er wieder herauskam! Und wie er sich nachher schüttelte und wie ein begossener Pudel davonschlich! Dabei war es noch um die Weihnachtszeit, so daß er vor Frost klapperte, als er vor dem Dome stand, aus dem er schleunigst retiriert war, weil er fürchtete, daß die Frommen es bemerkt haben und ihn auslachen könnten.
Ab ins Mohrenland

"Was fang' ich nun an?" sagte er und besah sich von oben bis unten. "Zu Haus, in die Hölle, getraue ich mich in dem Aufzuge nicht. Meine Großmutter würde mir gut den Text lesen. Ich werde auf ein paar Stunden ins Mohrenland gehen, da ist es warm und ich kann meine Kleider trocknen. Außerdem werden heute dort Gefangene geschlachtet. Hab ich meinen Operngucker mit?" Er ging also nach Mohrenland, sah beim Schlachten zu, klatschte tüchtig Bravo, wenn es ihm gefiel, und als sein Rock völlig trocken war, trollte er sich vergnügt nach Hause, in die Hölle.

Als er aber kaum in die Stube eingetreten war und die Großmutter seiner angesichtig wurde, ward sie abwechselnd veilchenblau und schwefelgelb im Gesicht und rief: "Wonach riechst du wieder einmal, und wie siehst du aus, du Lump?! Hast du dich schon wieder in den Kirchen herumgetrieben?" - Da erzählte der Teufel stotternd, was ihm passiert war. "Zieh den Rock aus", herrschte die Großmutter ihn an, "und leg dich einstweilen ins Bett."

Die Scham des Teufels

Und der Teufel tat, wie ihm befohlen war, und zog sich das blau und rot karierte Federbett so weit über die Ohren, daß unten die schwarzen Fußspitzen herausguckten; denn er schämte sich gewaltig. Die Großmutter aber fasste den Rock mit zwei Fingern an seinem äußersten Zipfel wie die Köchin eine tote Maus am Schwanz. "Brr!" sagte sie und schüttelte sich vor Ekel.

"Wie der Rock aussieht!" Dann trug sie ihn in die Gosse, wo der ganze dicke Höllenschlamm und das ganze Spülwasser aus der Hölle abläuft, zog ihn ein paarmal durch, weichte ihn ein und wusch ihn in der Gosse. Darauf hing sie ihn über einen Stuhl ans Feuer und ließ ihn trocknen.

Als er ganz trocken war und der Teufel eben schon ein Bein aus dem Bett herausstreckte, um aufzustehen und den Rock anzuziehen, nahm sie den Rock noch einmal und beroch ihn: "Pfui!" sagte sie und nieste, "was doch so ein Kirchengeruch schwer wegzubringen ist", holte ein Kohlenbecken, streute ein paar Hände voll klein gehackter Hundehaare und geraspelter Pferdehufe darauf, und wie es so recht brenzlig zu riechen begann, hielt sie den Rock darüber.

"So", sagte sie zum Teufel, "nun ist der Rock rein, nun kannst du dich doch wieder in anständiger Gesellschaft sehen lassen! Aber ich verbitte mir, daß so etwas wieder vorkommt! Verstehst du mich?"

Richard von Volkmann

Letzte Änderung: 05.06.2012 11:31:50 von Hiltrud

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

06.06.2012 11:01:59

Vor langer Zeit saß ein Mann zusammen mit seiner Frau vor der Haustür. Sie hatten ein leckeres gebratenes Huhn vor sich stehen und wollten es zusammen essen. Da kam der Vater des Mannes um die Ecke.
Der geiziege Sohn

Schnell versteckte der undankbare Sohn das Hähnchen hinter seinem Rücke, denn teilen wollte er es ganz sicher nicht. Der Vater jedoch war sehr alt und hungrig. Er setzte sich zu seinem Sohn und dessen Frau. Aber der Sohn bot ihm nur ein Becher Wasser an, obwohl er das laute Magenknurren seines Vaters hörte. Nachdem der Becher gelehrt war, ging der Vater wieder fort.
Die Rache folgt auf dem Fuße

"Endlich, dachte der Sohn, jetzt können wir das leckere Hähnchen essen." Der Mann wollte schnell das gebratene Huhn hinter seinem Rücken hervor hohlen. Aber als er nach dem Teller griff, verwandelte sich das Huhn in eine große und hässliche Kröte.

Sie sprang in das Gesicht des Mannes und ließ es nicht mehr los. das war die gerechte Strafe für die Habgier des Mannes. Denn nun musste er die Kröte alle Tage füttern. Tat er das nicht, sprang die Kröte wieder auf sein Gesicht und biss ein Stück ab. So wurde der Mann nicht mehr glücklich und hatte für den Rest seines Lebens immer die Kröte im Schlepptau.

Brüder Grim...

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

07.06.2012 10:53:17

Das brennende Geld

Drei Bauern kamen eine Herbstnacht oder vielmehr früh, als es mehr gegen den Morgen ging, von einer Hochzeit aus dem Kirchdorfe Lanken geritten. Sie waren Nachbarn, die in Einem Dorfe wohnten, und ritten des Weges mit einander zu Hause. Als sie nun aus einem Walde kamen, sahen sie an einem kleinen Busche auf dem Felde ein großes Feuer, das bald wie ein glühender Herd voll Kohlen glimmte bald wieder in hellen Flammen aufloderte.
Geheimnisvolles Feuer

Sie hielten still und verwunderten sich, was das sein möge, und meinten endlich, es seien wohl Hirten und Schäfer, die es gegen die Nachtkälte angezündet hätten. Da fiel ihnen aber wieder ein, daß es am Schluss Novembers war und daß in dieser Jahreszeit keine Hirten und Schäfer im Felde zu sein pflegen. Da sprach der jüngste von den Dreien, ein frecher Gesell: Nachbarn, hört! da brennt unser Glück! Und seid still und lasset uns hinreiten und jeden seine Taschen mit Kohlen füllen, dann haben wir für all unser Leben genug und können den Grafen fragen, was er für sein Schloss haben will.

Der älteste aber sprach: Behüte Gott, daß ich in dieser späten Zeit aus dem Wege reiten sollte! Ich kenne den Reiter zu gut, der da ruft: Hoho! Hallo! Halt den Mittelweg! Der zweite hatte auch keine Lust. Der jüngste aber ritt hin, und was sein Pferd auch schnob und sich wehrte und bäumte, er brachte es an das Feuer, sprang ab und füllte sich die Taschen mit Kohlen.
Volle Taschen

Die andern beiden hatte die Angst ergriffen, und sie waren im sausenden Galopp davon gejagt, und er ließ es auch reißen und holte sie dicht vor Vilmnitz wieder ein. Sie ritten nun noch ein Stückchen mit einander und kamen schweigend in ihrem Dorfe an, und keiner konnte ein Wort sprechen. Die Pferde waren aber schneeweiß von Schaum, so hatten sie sich abgelaufen und abgeängstigt. Dem Bauer war auch ungefähr so zu Mute gewesen, als habe der Feind ihn schon beim Schopf erfasst gehabt.

Es brach der helle lichte Morgen an, als sie zu Hause kamen. Sie wollten nun sehen, was jener gefangen habe, denn seine Taschen hingen ihm schwer genug hinab, so schwer, als seien sie voll der gewichtigsten Dukaten. Er langte hinein, aber au weh! er brachte nichts als tote Mäuse an den Tag. Die andern beiden Bauern lachten und sprachen: da hast du deine ganze Teufelsbescherung! die war der Angst wahrhaftig nicht wert. Vor den Mäusen aber schauderten sie zusammen, versprachen ihrem Gesellen jedoch, keinem Menschen ein Sterbenswort von dem Abenteuer zu sagen.
Gier nach Geld und Gold

Man hätte denken sollen, dieser Bauer mit den toten Mäusen habe nun für immer genug gehabt; aber er hat noch weiter gegrübelt über den Haufen brennender Kohlen und bei sich gesprochen: hättest du nur ein paar Körnlein Salz in der Tasche gehabt und geschwind auf die Kohlen streuen können, so hätte der Schatz wohl oben bleiben müssen und nicht weggleiten können. Und er hat die nächste Nacht wieder ausreiten müssen mit großem Schauder und Grauen, aber er hat es doch nicht lassen können; denn die Begier nach Geld war mächtiger als die Furcht.

Und er hat es wieder brennen sehen genau an der gestrigen Stelle; bei Tage aber war da nichts zu sehen, sondern sie war grasgrün. Und er ist hingeritten und hat das Salz hineingestreuet und seine Taschen voll Kohlen gerafft, und so ist er im sausenden Galopp nach Hause gejagt, und hat sich gehütet, daß er einen Laut von sich gegeben noch jemand begegnet ist; denn dann ist es nicht richtig. Aber er hat doch nichts als Kohlen in der Tasche gehabt und ein paar Schillinge, die von den Kohlen geschwärzt waren.
Welch Elend

Da hat er sich königlich gefreut, als sei dies der Anfang des Glückes und das Handgeld, das die Geister ihm gegeben haben. Er mochte aber die paar losen Schillinge wohl von Ungefähr in der Tasche gehabt haben, als er ausritt. Und die Schillinge haben dem armen Mann, der sonst ein fleißiger ordentlicher Bauer war, keine Rast noch Ruhe mehr gelassen: jede Nacht, die Gott werden ließ, hat er ausreiten müssen und seine besten Pferde dabei tot geritten. Man hat es aber nicht gemerkt, daß er Schätze gefunden hat sondern seine Wirtschaft hat von Jahr zu Jahr abgenommen und endlich ist er auf einer Nachtfahrt gar einmal verschwunden.

Und man hat von ihm und von seinem Pferde nie etwas wieder gesehen, seinen Hut aber haben die Leute in dem Schmachter See gefunden. Da muss der böse Feind ihn als Irrlicht hineingelockt haben; denn er braucht solche Künste gegen die, welche sich mit ihm einlassen und ihn suchen.

Ernst Moritz Arndt

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

08.06.2012 20:09:17

Das kleine bucklige Mädchen

Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war sehr klein und blass und wohl etwas anders wie andre Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die Mutter jedesmal:

"Weil du ein so wunderschönes, neues Kleidchen anhast. "Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küsste es wieder und immer wieder und sagte: "Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein lieber Engel bist; nicht einmal dein Vater!"
Vater und Tochter in tiefer Trauer

Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine Freunde jedoch redeten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher als die erste, aber so gut war sie lange nicht.

Und das kleine Mädchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben war, jeden Tag von früh bis Abend in der Stube auf dem Fensterbrett gesessen; denn es fand sich niemand, der mit ihm ausgehen wollte. Es war noch blässer geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar nicht.
Allein, trotz neuer Mutter

Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: "Jetzt wirst du wieder Spazierengehen, vor die Stadt, im lustigen Sonnenschein auf den hübschen Wegen, an denen die schönen Sträucher und Blumen stehen und wo die vielen geputzten Menschen sind." Denn es wohnte in einem kleinen, engen Gässchen, in welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn man auf dem Fensterbrette saß, sah man nur ein Stückchen blauen Himmel, so groß wie ein Taschentuch.

Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus, vormittags und nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschönes buntes Kleid an, viel schöner, als die alte Mutter je eins besessen hatte. Doch das kleine Mädchen nahm sie nie mit sich.
Was ist im Buckel?

Da fasste sich das letztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie recht inständig, sie möchte es doch mitnehmen. Allein die neue Mutter schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: "Du bist wohl nicht recht gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen lasse? Du bist ja ganz bucklig. Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die bleiben immer zu Hause."

Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und sobald die neue Mutter das Haus verlassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Straße und dachte an seine gute alte Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann dachte es wieder an seinen Buckel: "Was nur da drin ist?" sagte es zu sich selbst, "es muss doch etwas in so einem Buckel drin sein."

Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mädchen noch blässer und so schwach geworden, dass es sich gar nicht mehr auf das Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen musste. Und als die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen aus der Erde hervorstreckten, kam eines Nachts die alte, gute Mutter zu ihm und erzählte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel aussähe.
Der Tod des kleinen Mädchens

Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot. "Weine nicht, Mann!" sagte die neue Mutter; "es ist für das arme Kind so am besten!" Und der Mann erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit dem Kopfe.

Als nun das kleine Mädchen begraben war, kam ein Engel mit großen, weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich neben das Grab und klopfte daran, als wenn es eine Türe wäre. Alsbald kam das kleine Mädchen aus dem Grabe hervor, und der Engel erzählte ihm, er sei gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel zu holen. Da fragte das kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den Himmel kämen. Es könne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Himmel so schön und vornehm wäre.

Jedoch der Engel erwiderte: "Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar nicht mehr bucklig!" und berührte ihm den Rücken mit seiner weißen Hand. Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große hohle Schale. Und was war darin? Zwei herrliche, weiße Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon immer fliegen gekonnt hätte, und flog mit dem Engel durch den blitzenden Sonnenschein in den blauen Himmel hinauf. Auf dem höchsten Platze im Himmel aber saß seine gute, alte Mutter und breitete ihm die Arme entgegen. Der flog es gerade auf den Schoß.

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

09.06.2012 11:59:00

Vor vielen Jahren lebte ein alter Mann, der hatte zwölf Kinder. Um diese zu ernähren, musste er Tag und Nacht arbeiten. Als seine Frau ein weiteres Kind gebar, war die Not groß. So lief der arme Mann auf die Straße und wollte den ersten Menschen den er traf, zu Gevatter bitten.

Dieser erste Mann war Gott. Gott wusste was der Mann wollte und sprach: "Armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden."

Der Mann fragte Gott, wer er sei und dieser antwortete. Doch als der Mann erfuhr, dass er Gott gegenüber stand, wollte er ihn nicht als Gevatter. "Du gibst dem Reichen und lässt den Armen hungern." sagte der Mann.

Der Mann ging weiter und traf den Teufel. Dieser wollte dem Kind Gold in Hülle und Fülle geben, wenn er der Pate des Kindes sein könne. Doch der alte Mann wollte auch den Teufel nicht als Gevatter seines Kindes.

So ging er weiter und begegnete dem Tod. Der Mann fragte nach der Identität der Gestalt und der Tod sagte: "Ich bin der Tod, der alle gleich macht." Daraufhin sagte der Mann: "Du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein."

Der Tod wollte das Kind reich und berühmt machen. Es sollte ihm an nichts fehlen. Am Sonntag fand die Taufe statt und der Tod erschien und wurde der Gevatter des kleinen Neugeborenen.

Nach einigen Jahren kam der Tod zum Jungen und führte ihn in einen Wald, dort zeigte er ihm Kräuter und übergab dem Kind sein Patengeschenk, dabei sprach er: "Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedes Mal erscheinen. Steh ich zu Häuptern des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen. Steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du musst sagen alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen."

Bereits nach kurzer Zeit wurde der Junge ein berühmter Arzt. Durch seine Heilkünste wurde er zu einem reichen Mann und von allen Menschen verehrt. Als der König erkrankte, wurde der Knabe zu ihm gerufen, um ihn zu heilen. Doch als der Arzt an das Bett des Königs trat, stand der Tod zu dessen Füßen. Der Knabe versuchte den Tod zu überlisten, nahm den Körper des Königs und drehte ihn, der Arzt gab dem König die Kräuter und dieser ward wieder gesund. Der Tod wurde böse und sagte: "Du hast mich hinter das Licht geführt: Diesmal will ich dir's nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dir's an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort."

Kurze Zeit später wurde die Prinzessin des Landes schwer krank und wieder wurde der Arzt gerufen. Wenn er sie heilt, soll er zum Gemahl der Königstochter gemacht werden. Doch auch diesmal stand der Tod zu Füßen der Prinzessin. Die Schönheit der Königstochter war so groß, dass der Arzt die Frau nahm und auch sie drehte. Er gab ihr das Kraut und die wurde wieder gesund.

Der Tod wurde ein zweites Mal betrogen und sagte zu dem Arzt: "Es ist aus mit dir und die Reihe kommt nun an dich," Darauf hin nahm der Tod den Mann am Hals und führte ihn in eine unterirdische Höhle. In dieser Höhle brannten tausende Lichter und jeden Augenblick erlosch eines von ihnen. Der Tod erklärte dem Arzt, dass dies die Lebenslichter der Menschen seien. Der Arzt wollte sein Lebenslicht sehen. Der Tod zeigte es ihm und es war schon sehr klein. Da bat der Arzt den Tod, ob er ihm nicht ein neues Licht anzünden könnte, so dass er sein Leben noch etwas genießen könne. Doch der Tod wollte sich rächen und ließ das Feuer erlöschen. Der Arzt sank zusammen und starb.

Hiltrud

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Re: Märchen

11.06.2012 11:22:00

Der singende Knochen

Früher gab es einmal in einem Lande große Klage über ein Wildschwein, das den Bauern die Äcker umwühlte, das Vieh tötete und den Menschen mit seinen Hauern die Haut auf ritzte. Daraufhin versprach der König jedem, der das Land von diesem Wildschwein befreien würde, eine große Belohnung. Doch das Schwein war so groß und so stark, dass sich niemand traute in den Wald zu gehen und das Tier zu suchen. Da ließ der König eine Belohnung veröffentlichen: Wer das Wildschwein einfange oder töte, solle seine einzige Tochter zur Frau bekommen.
Das Ziel zweier Brüder

Im Land des Königs lebten zwei Brüder, die Söhne eines armen Mannes. Diese beiden meldeten sich und wollten das Wagnis auf sich nehmen. Der Älteste, der listig und klug war, tat es aus Hochmut, der jüngste, der unschuldig und dumm war, aus gutem Herzen. Der König sagte: "Damit ihr schnell und sicher das Tier findet, sollt ihr von entgegengesetzten Seiten in den Wald gehen." Wie der König befohlen, ging der älteste am Abend und der jüngste am Morgen in den Wald. Nachdem der Jüngste ein Weilchen gegangen war, traf er auf ein kleines Männlein.

Das hielt einen schwarzen Spieß in der Hand und sagte: "Diesen Spieß bekommst du von mir, weil dein Herz unschuldig und gut ist. Damit kannst du getrost auf das wilde Schwein eingehen, es wird dir keinen Schaden zufügen." Der Junge dankte dem Männlein, nahm den Spieß auf die Schulter und ging ohne Angst weiter durch den Wald. Nicht lange, so sah er das Wildschwein, das auf ihn losrannte. Er hielt ihm aber den Spieß entgegen. Das Wildschwein rannte aber mit seiner blinden Wut so gewaltig hinein, dass ihm das Herz entzweigeschnitten wurde. Dann nahm der Junge das Ungetüm auf die Schulter, ging heimwärts und wollte es dem Könige bringen.
Der Plan des Älteren

Als er auf der andern Seite des Waldes herauskam, sah er ein Haus, wo die Leute Wein tranken, lachten und tanzten. Auch sein ältester Bruder war in diesem Haus. Er hatte gedacht, das Schwein liefe ihm doch nicht fort, erst wollte er sich den rechten Mut trinken. Als er aber nun seinen jüngeren Bruder mit dem Schwein über der Schulter sah, ließ ihm sein neidisches und boshaftes Herz keine Ruhe. Er rief ihm zu: "Komm doch herein, lieber Bruder, ruhe dich aus und stärke dich mit einem Becher Wein." Der Jüngste, der seinen Bruder vertraute, ging hinein und erzählte ihm von dem guten Männlein, das ihm einen Spieß gegeben, womit er das Schwein getötet hätte.

Der Älteste hielt ihn bis zum Abend bei Wein und Tanz, dann gingen sie zusammen fort. Als sie aber in der Dunkelheit einen Bach erreichten, ließ der älteste den jüngsten voran über die Brücke gehen. Als er mitten über dem Wasser war, gab der älteste seinen Bruder von hinten einen Schlag, sodass er tot hinabstürzte.

Er begrub ihn unter der Brücke, nahm dann das Schwein und brachte es dem König. Dem wollte er sage, dass der Tot des Ungetüms sein verdienst wäre, worauf er die Tochter des Königs zur Gemahlin erhielt. Und falls man sich wundert, wo den der jüngere Bruder blieb, wollte er sagen: "Das Schwein wird ihm den Leib aufgerissen haben". Der Ältere war sich sicher, dass man ihm diese Geschichte glaubte.
Das Verbrechen bleibt nicht verborgen

Weil aber seine Tat vor Gott nichts verbergen, sollte auch die Ermordung des Bruders ans Licht kommen. Nach vielen Jahren kam einmal ein Hirte mit seiner Herde über die Brücke und sah unten im Sande ein schneeweißes Knöchlein liegen. Da dachte er sich, das gäbe ein gutes Mundstück. Da ging er herab, hob es auf und schnitzte ein Mundstück daraus für sein Horn. Als er zum ersten Mal darauf geblasen hatte, so fing das Knöchlein zu großer Verwunderung des Hirten von selbst an zu singen:

"Ach, du liebes Hirtelein, du bläst auf meinem Knöchelein, mein Bruder hat mich erschlagen, unter der Brücke begraben, um das wilde Schwein, für des Königs Töchterlein." Da wunderte sich der Hirte: "Was für ein merkwürdiges Hörnchen, das von selber singt. Das muss ich dem Herrn König bringen."

Als er damit vor den König stand, fing das Hörnchen wieder an sein Liedchen zu singen. Der König verstand das Lied und befahl die Erde unter der Brücke aufgraben. Schnell kam das ganze Gerippe des erschlagenen Bruders zum Vorschein. Der böse Bruder konnte die Tat nicht leugnen. Er wurde daraufhin in einen Sack genäht und lebendig ertränkt. Die Gebeine des Ermordeten aber wurden auf den Kirchhof in einem schönen Grab zur Ruhe gelegt.

Brüder Grimm

Hiltrud

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Re: Märchen

12.06.2012 10:58:20

Der Hase und der Fuchs

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide miteinander. Es war Winterszeit, es grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. "Das ist ein hungriges Wetter", sprach der Fuchs zum Hasen, "mir schnurren alle Gedärme zusammen." - "Jawohl", antwortete der Hase. "Es ist überall dürr, und ich möchte meine eigenen Löffel fressen, wenn ich damit ins Maul langen könnte."

So hungrig trabten sie miteinander fort. Da sahen sie von weitem ein Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korb kam dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von frischen Semmeln. "Weißt du was!" sprach der Fuchs: "Lege dich hin der Länge lang, und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen und dich aufheben wollen, um deinen armen Balg zu gewinnen, denn Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich den Semmelkorb, uns zum Troste." Der Hase tat nach des Fuchsen Rat, fiel hin und stellte sich tot, und der Fuchs duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich streckte, stellte richtig den Korb hin und bückte sich nach dem Hasen. jetzt wischte der Fuchs hervor, schnappte den Korb und strich damit querfeldein, gleich war der Hase lebendig und folgte eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern ließ merken, dass er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr übel. Als sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum Fuchs: "Wie wäre es, wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften? Wir haben dann Fische und Weißbrot, wie die großen Herren! Hänge deinen Schwanz ein wenig ins Wasser, so werden die Fische, die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen. Eile aber, ehe der Weiher zufriert."

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging an den Weiher, der eben zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz gemächlich, eine nach der andern, und sagte zum Fuchs: "Warte nur, bis es auftaut, warte nur bis ins Frühjahr, warte nur, bis es auftaut!" Und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach, wie ein böser Hund an der Kette.

Ludwig Bechstein

Hiltrud

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Re: Märchen

13.06.2012 11:59:03

Der kluge Richter

Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenäht war, aus Unvorsichtigkeit verloren. Er machte daher seinen Verlust bekannt, und bot, wie man zu tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Talern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann daher gegangen. "Dein Geld habe ich gefunden. Dies wird's wohl sein! So nimm Dein Eigentum zurück!" So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das, war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verloren geschätztes Geld, wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seine versprochene Belohnung bringen könnte. "Guter Freund", sprach er hierauf, "es waren eigentlich achthundert Taler in dem Tuch eingenäht. Ich finde aber nur noch siebenhundert Taler. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und Eure hundert Taler Belohnung schon herausgenommen haben. Da habt Ihr wohl daran getan. Ich danke Euch." Das war nicht schön, aber wir sind noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten, und Undank schlägt seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die hundert Taler als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, dass er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie er's gefunden habe.

Am Ende kamen sie vor den Richter. Beide bestanden auch hier noch auf ihren Behauptungen, der eine, dass achthundert Taler eingenäht gewesen seien, der andere, dass er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rat teuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des anderen zum Voraus zu kennen schien, griff die Sache so an: er ließ sich von beiden über das, was sie aus sagten, eine feste und feierliche Versicherung geben und tat hierauf folgenden Ausspruch: "Demnach, wenn, der eine von Euch achthundert Taler verloren, der andere aber nur ein Päcklein mit siebenhundert Talern gefunden hat, so kann auch das Geld des letzteren nicht das nämliche sein, auf welches der erstere ein Recht hat. "Du, ehrlicher Freund" nimmst also das Geld, weiches Du gefunden hast, wieder zurück und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur siebenhundert Taler verloren hat. Und Dir da weiß ich keinen Rat, als, Du geduldest Dich, bis derjenige sich meldet, der Deine achthundert Taler findet." So sprach der Richter, und dabei blieb es.

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