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Thema "Märchen":

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Forum | Ein schöner Spruch | Märchen

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Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

14.06.2012 20:29:47

Der Nachtexpress

Wieder ging ein arbeitsreicher Tag zu ende. Ich saß in einem dieser schäbbigen Zugabteile, die von oben bis unten mit Grafitti und Müll verschandelt waren. Es roch nach abgestandenem Alkohol, Zigarettenrauch und Urin. Es war schlimm genug, dass ich dies jeden Morgen ertragen musste, doch wenn ich spät Abends auf dem Weg nach Hause war, war dies die reinste Tortur!

Es war unheimlich hier, es stank, der Boden klebte vor Schmutz und die anderen Fahrgäste waren mir nicht geheuer.

Mir gegenüber saß ein Mann in schwarzem Anzug und Kravatte, er sah wie alle anderen Geschäftsleute aus, vielleicht ein Bänker?

Eigentlich war nichts auffällig an ihm, es gab keinerlei Merkmale, die ihn zu etwas besonderem machten. Er war ganz und gar gewöhnlich. Viel zu gewöhnlich!

Der Fremde starrte aus dem Fenster, doch ich wusste, dass er mich durch die Spiegelung in der Scheibe beobachtete. Ich konnte seine Blicke förmlich spüren. Ein Gefühl von Panik nahm von mir Besitz und ich fröstelte.

Ich versuchte meine Fluchtreflexe zu unterdrücken und redete mir ein, dass ich einfach müde sei und ins Bett gehöre. Da fielen mir die Hände des Fremden auf, sie waren im Gegesatz zu allem Anderen an ihm ganz und gar nicht gewöhnlich. Seine Fingerägel waren lang und sehr spitz und sie waren leicht gebogen, sodass sie eher an Krallen eines Raubtiers erinnerten, als an die Hände eines Geschäftsmannes. Dieser Mann war mir in jeder Hinsicht unheimlich!

Die Bahn näherte sich meiner Heimat, schneebedeckte Äste kratzten an den Wagonwänden und Scheiben entlang. Nur noch eine Station, bis zu meiner Haltestelle. Erleichterung überkam mich, nur noch wenige Minuten trennten mich von meinem molligwarmen Bett.

Ein eisiger Windhauch strich über mich hinweg und ich schlang meinen Mantel enger um mich herum. Lächelte der Fremde? Ich hätte schwören können, dass er einen Augenblick lang gelächelt hatte. In gedanken feuerte ich die Bahn an, sich ihren Weg schneller durch den Wald zu bahnen, ich wollte endlich hier raus.

Der Fremde trommelte jetzt mit seinen Krallenfingern auf dem eisernen Müllbehälter herum und erzeugte dabei ein wirklich nerviges, trapperndes Geräusch, wie von unzähligen Insektenfüßen.

Entnervt versuchte ich wegzuhören, doch das Trappern hallte unaufhörlich durch meinen Kopf.

Ich rutschte nervös auf meinem Sitz hin und her, meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, mein ganzer Körper war darauf eingestellt zu flüchten, wenn nur endlich die verdammte Bahn anhalten würde.

Endlich, nach Jahren wie mir schien, drosselte die Bahn ihre Fahrt und fuhr in den Bahnhof ein. Ich griff nach meiner Handtasche, stand auf und stellte mich an die Tür. Süße Freiheit, sie war ganz nah.

Auf einmal jedoch packte mich etwas am Arm, ich schreckte herum und stand dem Fremden gegenüber, sein fauliger Atem schlug mir entegegen und seine Nägel kratzten mir schmerzhaft über den Arm. Sein Gesicht war mir ganz nah und plötzlich war der Fremde gar nicht mehr so gewöhnlich, als ob er eine Maske abgesetzt habe. Schrecklich verzerrte Gesichtszüge, glühende Augen, in denen ein irrer Blick wohnte. Ich war zu Tode verängstigt.

Dann ging die Wagontür auf und der frische Winterwind wehte mir entgegen. Meine Panik setzte unheimliche Kräfte frei, sodass ich der Kratur meinen Arm entreißen konnte. Ich stolperte auf den Bahnsteig und rannte wie von Dämonen gehetzt nach Hause. Den gesamten Weg über verfolgte mich das nervenzerreißende Kichern des Fremden.

An diesem Abend hatte ich hinter eine Fassade geschaut und etwas erblickt, das ich niemals hätte sehen sollen. Und dafür zahle ich noch heute einen hohen Preis, denn seit dem habe ich keine Nacht mehr geschlafen, ohne das dämonische Gelächter des Fremden zu hören.

Quelle Unbekannt

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

15.06.2012 11:54:17

Liebeszauber

Hallo, mein Name ist Kate, ich bin eine Hexe. Meine Großmutter war auch eine und ihre Großmutter ebenso. Doch nicht wie ihr vielleicht denken mögt, mit Besen und Warze auf der Nase. Nein, wir sind ein Geschlecht von ganz normlen Frauen, ein wenig impulsiv manchmal, aber eigentlich ganz normal, wenn man einmal von unseren Fähigkeiten absieht.

Letztes Jahr um diese Zeit versuchte ich mich an einem komplizierten Zauber, um genau zu sein einem Liebeszauber, aber mal von Anfang:

Damals war ich noch nicht so gut Ausgebildet in der Magie, um ehrlich zu sein war ich ziemlich naiv, ich glaubte ich könne mit meinen Fähigkeiten alles tun. Doch auch in der Magie gibt es Grenzen und dies sollte ich schnell am eigenen Leib erfahren.

In meiner Klasse war ein Junge, er war unglaublich gut aussehend und so witzig, ich war einfach hin und weg. Doch er schien mich überhaupt nicht wahr zu nehmen. Ich überlegte lange, wie ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken könnte, doch er schien sich nur für Sport zu interessieren. Nicht einmal die Blicke der anderen Mädchen bemerkte er.

Ich entschied mich dafür selbst die Initiative zu ergreifen, also ging ich zum nächsten Spiel. Ich hatte vor ihn abzufangen, sobald er den Sportplatz verlassen wollte. Doch als ich ihn dann ansprechen wollte, sagte er bloß „Hi“ und eilte an mir vorbei. Ich war total verdattert, das konnte doch nicht sein Ernst sein. Eine Sekunde lang wollte ich ihm einen Fluch an den Hals hexen.

Abends im Bett kam mir dann die Idee, ich würde einen Liebeszauber benutzen. Also holte ich mein Hexenbuch hervor und suchte mir den passenden Zauber raus. Für das Ritual brauchte ich etwas von ihm, aber das würde leicht werden. Am nächsten Tag lieh ich mir einen Stift von ihm aus, unter dem Vorwand meine Federmappe zu Hause vergessen zu haben. Außerdem brauchte ich noch einige Kräuter und Gegenstände, wie Mondraute, Liebstöckel, einen Rosendorn und einen Belladonnazweig, außerdem noch einen Rosenquarz.
Dann wartete ich bis zum nächsten Vollmond, um das Ritual zu vollziehen.

Nachdem ich den Zauber gewirkt hatte, veränderte sich alles. Der Junge, der mich bis dahin höchstens gegrüßt hatte, war auf einmal ganz erpicht darauf neben mir zu sitzen. Er hing förmlich an meinen Lippen, lachte über Witze die ich machte und trug sogar meine Schultasche.

Doch nach einigen Tagen wurde er immer aufdringlicher, er wollte mich unentwegt küssen, Händchenhalten, und starrte alle anderen Jungs eifersüchtig an, wenn sie mich nur anschauten. Etwa eine Woche nach dem Zauber prügelte er sich sogar mit einem älteren Jungen, nur weil er mir ein vergessenes Buch nach brachte.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich merkte, dass ich einen großen Fehler begangen hatte. Ich war nicht wie erwartet überglücklich, ich war einfach nur genervt. Und nun hatte ich auch noch einen anderen Jungen in Gefahr gebracht. Mir blieb nur eine Möglichkeit, ich musste den Zauber rückgängig machen. Doch wie? Nach einer schlaflosen Nacht entschied ich mich dafür meine Großmutter um Rat zu fragen.

Sie schimpfte fürchterlich mit mir, als sie erfuhr was ich getan hatte. Doch letzten Endes half sie mir gern. Und ich lernte, dass man Gefühle unter keinen Umständen manipulieren darf. Denn was dabei heraus kommt kann niemals echt sein, sondern ist immer nur eine Farce der Gefühle, die gefühlt werden sollen.

Am nächsten Tag sagte er mir dann ziemlich verlegen, dass er sich nicht sicher sei, ob er wirklich etwa für mich empfindet und mache daher lieber schluss.
Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich verspreche, ich werde ab jetzt meine Finger von Liebeszaubern lassen.

Hiltrud

Beiträge: 5722

Re: Märchen

16.06.2012 11:31:27

Jorinde und Joringel

Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sies, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreiß kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann in einen Korb ein, und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde: sie war schöner als alle andere Mädchen. Die, und dann ein gar schöner Jüngling, Namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, giengen sie in den Wald spazieren. 'Hüte dich,' sagte Joringel, 'daß du nicht so nahe ans Schloß kommst.' Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.
Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrack und wurde todtbang. Jorinde sang

'mein Vöglein mit dem Ringlein roth
singt Leide, Leide, Leide:
es singt dem Täubelein seinen Tod,
singt Leide, Lei - zucküth, zicküth, zicküth.'

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang ' zicküth, zicküth.' Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal 'schu, hu, hu, hu.' Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rothe Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fieng die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme 'grüß dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.' Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat sie möchte ihm seine Jorinde wieder geben, aber sie sagte er sollte sie nie wieder haben, und gieng fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. 'Uu, was soll mir geschehen?' Joringel gieng fort und kam endlich in ein fremdes Dorf: da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft gieng er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts er fand eine blutrothe Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, gieng damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei: auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fieng er an durch Berg und Thal zu suchen ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrothe Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Thautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern gieng fort bis ans Thor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er gieng hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel vernähme: endlich hörte ers. Er gieng und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und gieng, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Thüre gieng. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da gieng er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.

Jacob Grimm 1785 - 1863 u. Wilhelm Grimm 1786 - 1859

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